ERP LOGISTICS

«Das ERP als Wettbewerbsfaktor in der Fertigungsindustrie»

Kai Jenkel und Marco Egger, dynasoft AG, im Gespräch mit Christian Bühlmann, IT-Experte und Chefredakteur des Fachmagazins «Inspiring Digital Business»

Die meisten Unternehmen haben inzwischen ein ERP-System im Einsatz. Hat sich das Thema damit erledigt oder gibt es noch Bereiche, welche unerschlossenes Potenzial versprechen?

Kai Jenkel: Mit der Eurokrise mussten sich etliche fertigende Unternehmen fit trimmen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Diese Optimierungsprozesse sind nicht abgeschlossen. Der Produktivitätsdruck bleibt hoch. Das Auslagern von Produktionskapazitäten in Günstigländer hat seine Grenzen. Der Werkplatz Schweiz zieht wieder. Aber nur für diejenigen Unternehmen, die ihre Prozesse im hohen Mass auf Produktivität ausrichten.

Marco Egger: Solche Firmen optimieren immer wieder ihre ERP-Systeme und nutzen die ganze Tiefe der Funktionalitäten, schulen die Mitarbeiter und haben ihrer Firmenkultur einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess eingeimpft. Dazu benötigen die Unternehmen einen starken ERP-Partner, der sie in ihrer Transformation und Weiterentwicklung begleitet. Hier gibt es ein grosses Potenzial. Dazu kommt, dass die Datendrehscheiben zu Kunden und Lieferanten vielerorts noch nicht auf dem Niveau digitalisiert sind, wie sie eigentlich könnten.

Industrie 4.0, Internet of Things, Virtual Reality – sind das die Schwerpunkte, welche KMU derzeit beschäftigen? Wie erleben Sie die digitale Realität bei Ihren Kunden?

Kai Jenkel: Da gibt es sehr unterschiedliche Wahrnehmungen. In der Tendenz spüren wir, dass es Unternehmen gibt, die sich einfach mit den Themen beschäftigen müssen, damit sie am Markt weiterhin eine Chance haben. Andererseits gibt es innovative Unternehmen, die sich durch das Anpacken der Themen einen Wettbewerbsvorteil versprechen. Es gibt aber auch nicht wenige, die sich um die «neuen» Themen futieren. Was auch nicht in jedem Fall rückständig und falsch ist.

Marco Egger: Das stimmt, denn jede Investition braucht ihren Nutzen und einen ROI. Neben den grossen Chancen muss aber auch immer vor Risiken gewarnt werden. Prozesse können rasch komplex werden, was dazu führt, dass sie teuer und schlussendlich nicht mehr nutzenstiftend umgesetzt werden. Umso überraschter zeigen sich viele Kunden, wenn sie erkennen, wie weit die Prozesse in den ERP-Systemen bereits standardisiert sind. Das nimmt ihnen vielfach die Investitionsangst. Die digitale Transformation kann beginnen.

In wie weit ist der digitale Wandel in der Fertigungsindustrie spürbar und wie wirkt sich dieser auf die bestehenden ERP-Systeme aus?

Marco Egger: Die Zeiten mit Fokus auf hohe Automatisierungsgrade in der Fertigung sind vorüber. Das ist inzwischen schon eine Selbstverständlichkeit. Wandelte man vor 15 Jahren durch Produktionsbetriebe, wurden einem mit Stolz Palettenbahnhöfe, Beladungsroboter und schnelle Werkzeugwechsler gezeigt. Heute liegt der Schwerpunkt in der Logistik: Sensorik, QR-Codes, optimierte Wege, Prozessfertigung und Lean-Management sind im Trend.

Kai Jenkel: Auch ERP-Systeme mussten sich diesen Themen annehmen. Der Trend geht weg vom Bediener, welcher rückmeldet und dadurch den nächsten Arbeitsschritt auslöst. Vielmehr müssen ERP-Systeme im hohen Mass vernetzt wirken und ganze Prozessketten auslösen, beherrschen und lenken können. Die Lösungen wandeln sich zu Kommunikationsdrehscheiben in der Verfahrenstechnik und können auch interdisziplinäre Systeme einbinden. Zum Glück gehören derartige Aufgaben seit jeher zur Kernkompetenz der ERP-Entwickler, was sich in nachhaltigen, durchdachten Lösungen am Markt zeigt.

Welche Bedeutung nimmt die Prozess- und Organisationsberatung bei Ihren Aufgaben ein?

Kai Jenkel: ERP-Berater mutieren zunehmend zu «Lebensberatern» in den Unternehmungen. Welche andere Spezies muss sich gleichzeitig mit Verkaufs-, Produktions-, Warenwirtschafts-, Beschaffungs-, Finanz-, Personal- und IT-Themen auseinandersetzen? Diese generalistischen Skills der ERP-Berater werden von Unternehmen in zunehmend Masse genutzt. Am Ende des Tages, und das ist der ganz grosse Benefit für KMU, werden die Unternehmen nicht nur beraten, sondern es wird auch umgesetzt. Es ist also nicht mit einem empfehlenden Bericht «Schluss der Übung», sondern immer das Go-live eines neuen, gemeinsam umgesetzten Prozesses oder einer erfolgreich durchgeführten Organisationsanpassung.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie bei einem Kunden offensichtlichen Optimierungsbedarf bei Strukturen oder Arbeitsabläufen feststellen?

Marco Egger: Wir sehen uns immer als Partner für einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Es gehört schon heute zur täglichen Arbeit beziehungsweise zum Auftrag als Berater, Optimierungsbedarf zu erkennen. Wichtig dabei ist, dass man die Themen benennt, quantifiziert und abgrenzt, um danach eine Nutzenanalyse zu erstellen. Der Kunde muss wissen, welchen Nutzen er von der Verbesserung hat, was er bekommt und was nicht.

Wo liegt aus Ihrer Sicht der grösste Nutzwert eines ERP-Systems in der Fertigungsindustrie? Und Anschlussfrage: Bis zu welchem Grad wird dieser in der Realität auch erreicht?

Kai Jenkel: Mit einem gut eingeführten ERP System können die Fertigungsprozesse optimal gelenkt werden. Die Produktionsplanung kann rollierend und ohne Schwankungen geplant werden. Somit werden Kapazitäten und Ressourcen optimal und effizient eingesetzt. Auf Unvorhergesehenes kann reibungslos reagiert werden, Stillstandzeiten eliminiert und Durchlaufzeiten optimiert werden. Mit einem gut gepflegten und eingerichteten System erhalten die Entscheider eine echte Ist-Basis für Nachkalkulationen und sehen, wie sich Optimierungen in den Fachabteilungen in den Produktionskosten niederschlagen. Margen können nahe der Realität berechnet werden.

Was braucht es von Seiten der Anwender, damit das ERP-System zu einem wirkungsvollen Erfolgsfaktor im Unternehmen wird?

Marco Egger: Denken in Prozessen ist gefragt. Es braucht die Erkenntnis, dass das ERP-System das Herz des Unternehmens ist. Der Anwender soll das Gefühl haben, dass er mit dem Umgang und der Pflege des Systems einen wichtigen Beitrag zum Erfolg des Unternehmens leistet. Das Arbeiten am System soll aber auch Spass machen. Die Benutzer sollen das Gefühl haben, dass ihnen das ERP-System den Alltag leichter macht.

Wie werden bzw. sollten sich ERP-Lösungen entwickeln, um Produktionsunternehmen für den künftigen Wettbewerb fit zu machen?

Kai Jenkel: Es braucht in den Softwarehäusern viel Branchen- und Fertigungsknowhow. ERP Systemhersteller müssen ganz zuvorderst am Puls der Zeichen der Zeit agieren…

Marco Egger: … und sie müssen verstehen was Produktivität heisst, gut zuhören und partnerschaftlich mit ihren Kunden Lösungen umsetzen können. Produktionsunternehmen müssen agil auf dem Markt spielen können. Das Gleiche wird auch vom Hersteller des ERP-Systems erwartet.